Ferryman: Der Tod ist nur der Anfang von Justin Cronin

Buchcover Ferryman: Der Tod ist nur der Anfang von Justin Cronin

Ich wollte es lieben. Wirklich!
Das Cover hat mich sofort abgeholt und der Klappentext versprach eine aufregende Mischung aus Science-Fiction und Thriller mit philosophischen und existentiellen Fragen zu sein. Alles deutete auf einen Roman hin, der Fragen nach Identität, Erinnerung und moralischer Verantwortung stellt. Genau meine Kernthemen. Genau das, worüber ich selbst gern schreibe.

Leider wurde schnell klar, dass dieser Roman einen ganz anderen Weg einschlägt als erwartet. Spannung im klassischen Sinne spielt kaum eine Rolle. Stattdessen setzt Cronin auf Atmosphäre, innere Zustände und philosophische Reflexionen. Die Geschichte entfaltet sich langsam, beinahe träge, und verlangt viel Geduld.
Was an sich nichts Verkehrtes ist, aber schwierig, wenn man etwas ganz anderes erwartet hat.

Darum geht’s – Klappentext

In einem riesigen Ozean, idyllisch abgeschieden vom Rest der Menschheit, liegen die Inseln von Prospera. Die Bewohner genießen ein unbeschwertes Leben voller Privilegien, umsorgt von dienendem Hilfspersonal. Neigt sich ihre Lebenszeit dem Ende zu, werden sie auf eine geheimnisvolle Nachbarinsel geschickt, um dort neu gebootet zu werden und ein weiteres Leben zu beginnen. Procter Bennett ist der Fährmann, der die Prosperaner dorthin begleitet. Er hat seine Arbeit nie infrage gestellt, bis er eines Tages eine kryptische Nachricht erhält, die bestätigt, was er insgeheim immer befürchtet hat – eine Wahrheit, die das Schicksal der Menschheit auf ewig verändern wird.

Der erste Satz

Schon der erste Satz von Ferryman lässt ahnen, was für ein Roman folgen wird. Er ist ruhig, beobachtend und spannungsarm. Rückblickend wirkt dieser Einstieg wie ein Versprechen: Hier geht es um Stimmung, Distanz und bewusst gedrosseltes Tempo.

Das verschenkte Spannungspotenzial

Die Entscheidung für ein langsames Erzähltempo ist konsequent, und zugleich das größte Problem des Romans. Denn obwohl die Gedanken, die Ferryman behandelt, interessant sind, werfen sie für mich kaum neue Fragen auf. Identität als Konstrukt, formbare Erinnerung, moralische Verantwortung, all das wurde bereits mehrfach literarisch verarbeitet. Was mir hier fehlt, ist eine eigene Perspektive darauf. Vor allem aber eine erzählerische Dringlichkeit.

Es gibt viele Momente, in denen das Buch enormes Spannungspotenzial andeutet, sich dann aber bewusst dagegen entscheidet, es auszuschöpfen. Konflikte werden umkreist statt zugespitzt, Erkenntnisse bleiben folgenarm und Entscheidungen sind selten wirklich riskant. Dadurch entsteht kaum das Gefühl, wissen zu müssen, wie alles zusammenkommt. Dabei ist das Verschenken dieses Potenzials umso schmerzhafter, weil die Welt und die Grundidee stark sind. Ferryman hätte ein Roman sein können, der seine Thesen durch Spannung überprüft und zuspitzt. Der zeigt, was diese Gedanken emotional und moralisch kosten. Stattdessen bleibt er distanziert, kontrolliert und fast schon vorsichtig.

Eine gelungene Welt

Sprachlich und atmosphärisch ist das Buch zweifellos gelungen. Cronin versteht es, eine melancholische, leicht entfremdete Stimmung zu erzeugen. Das Worldbuilding ist sauber ausgearbeitet und in sich konsequent. Was sich daraus alles hätte entfalten können!

Wer sich gern in langsame Texte fallen lässt, sich von Atmosphäre tragen lässt und weniger auf Handlung angewiesen ist, wird hier vermutlich viel finden. Gleichzeitig bleiben die Charaktere für mich sehr funktional. Sie entwickeln leider keine emotionale Tiefe, die mich berühren konnte. Auch nicht der Protagonist Procter Bennett, der gerade als Fährmann so viele Möglichkeiten gehabt hätte.

The Matrix, Inception oder doch Shutter Island?

In mehreren Rezensionen wird der Roman als Mischung aus The Matrix und Inception beschrieben. Mir drängte sich jedoch ein anderer Vergleich auf: Shutter Island. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Vielleicht entstand genau daraus auch eine zusätzliche Erwartungshaltung.
Shutter Island nutzt seine Struktur am Ende nicht, um zu erklären, sondern um zu erschüttern. Seine Auflösung zwingt dazu, das Gelesene neu zu bewerten und stellt die moralische Frage:

Was ist erträglicher – Wahrheit oder Illusion?

In Ferryman bleibt diese Konsequenz aus. Das Ende erklärt die Welt, aber es erschüttert nicht. Es ordnet, statt zu verstören.

Vielleicht wollte ich dieses Buch genau deshalb so sehr lieben, weil sein Potenzial unübersehbar ist und die Themen unglaublich interessant sind. Und weil ich weiß, wie kraftvoll diese Art von Geschichte sein kann.

Fazit

Grundsätzlich ist Ferryman ein intelligenter Roman mit starken Themen, aber er fordert nicht heraus. Er denkt gründlich, aber nicht radikal und verzichtet auf eine Spannung, die seine Gedanken nicht geschmälert, sondern geschärft hätten. Das Ende formuliert eine starke Aussage, erreicht mich jedoch emotional nicht, obwohl genau hier die größte Kraft des Romans hätte liegen können.

Wenn du Lust bekommen hast, das Buch zu lesen, dann schau gern hier vorbei:

Ferryman: Der Tod ist nur der Anfang – Justin Cronin

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Sabrina Schauer

Autorin

Herzlichen Willkommen auf meiner Autoren Website. Mein Name ist Sabrina und ich liebe es zu schreiben und zu lesen. Ganz nach dem Motto „Mit Worten durch Welten“.
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